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Wen Tzu, das Verstehen der Geheimnisse [175]
Also sprach Lao-Tze:
Da gibt es diejenigen, die bewußt ihre Umgangsformen pflegen, sie polieren die menschliche Natur und glätten ihre Gefühle: Ihre Augen mögen etwas begehren, aber sie ergreifen Maßnahmen, um sich zurückzuhalten;
ihre Herzen mögen sich an etwas erfreuen, aber ihre Umgangsformen bremsen ihr Verhalten. In ihrem Benehmen sind sie zurückhaltend und kontrolliert, demütig und unterwürfig;
sie essen kein fettes Fleisch und sie meiden klaren Wein. Ihr Äußeres hat etwas verkrampftes, und in ihrem Inneren sind sie besorgt um ihre Tugend.
So finden wir bei ihnen die Harmonie von Yin und Yang eingeengt, denn sie unterdrücken ihr Lebensgefühl. Es ist nicht verwunderlich, daß sie ihr ganzes Leben als traurige Menschen verbringen. Warum dies so ist?
Sie verbieten, was sie begehren ohne bis an die Wurzeln dieses Begehrens vorgedrungen zu sein. Sie verbieten sich, woran sie sich erfreuen könnten, ergründen aber nicht, warum sie sich an etwas erfreuen.
Dies ist so, als würde man ein wildes Tier einpferchen, ohne aber den Käfig abzuschließen. Versuche den Ehrgeiz zu unterbinden und es ist so, als wolltest Du einen reißenden Bach mit bloßen Händen aufhalten.
Daher sprachen die alten Meister darüber, daß Du noch nicht das Heil eines ganzen Lebens gefunden hast, wenn Du allein Deine Augen öffnest und Deinen Geschäften nachgehst.
Gepflegte Umgangsformen hemmen die Gefühle und unterbinden die Begierden. Versuchst Du vor lauter Pflichtgefühl, Dich von allem abzuschirmen,
auch wenn Du dabei Herz und Gefühle knebelst, Dein ganzer Körper und Deine Natur werden hungern und dürsten. Und bezwingst Du sie dann auch noch mit dem Gedanken, dies sei die einzige Möglichkeit,
dann wirst Du nie ein zufriedenes, erfülltes und natürliches Leben führen.
Perfekte Umgangsformen können nicht bewirken, daß Menschen keine Wünsche mehr haben,
aber sie können diese unterdrücken. Musik kann nicht bewirken, daß die Menschen keine Freude empfinden, aber sie kann sie unterbinden.
Du kannst den Leuten soviel Angst vor Strafen einjagen, daß sie es nicht wagen zu stehlen, aber wäre es nicht besser, wenn Du erreichen könntest, daß sie gar nicht erst den Wunsch verspüren zu stehlen?
Wir wissen, daß auch der Habgierigste etwas ablehnen wird, wenn er sich darüber im Klaren ist, daß es für ihn nutzlos ist, und selbst der Bescheidene wird etwas nicht ablehnen,
wenn er glaubt, es könnte ihm nützlich sein. Der Grund, warum Menschen ihr Land verlieren, von fremder Hand sterben und die Zielscheibe von Spott oder Verachtung werden ist letztendlich immer die Begehrlichkeit.
Wenn Du klar bist, daß ein Fächer im Winter und ein Ledermantel im Sommer für Dich nutzlose Dinge sind, können sich alle Dinge in Staub und Schmutz wandeln.
Wenn Du heißes Wasser nimmst, um kochendes Wasser abzukühlen, wird es nur noch mehr kochen. Der, der weiß, wie sich die Dinge wirklich verhalten, nimmt einfach das Feuer weg.

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- Wen-Tzu -
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